„Sie wollen eine Maschine mit unseren Seelen füttern“
Synchronsprecherin Katrin Fröhlich über die Realität ihrer Branche im KI-Zeitalter
Published: xx.yy.20vv | Photo / Video: AI generated, Freepik
Gefühl, Tiefe und 50 Jahre Berufserfahrung lassen sich nicht codieren: Für Katrin Fröhlich, die deutsche Stimme von Cameron Diaz und Gwyneth Paltrow, ist der Vormarsch künstlicher Intelligenz im Synchronatelier kein bloßer Technologiewandel – es ist ein Angriff auf das Herz einer ganzen Kultur. Im Interview spricht die renommierte Sprecherin und Regisseurin über das unheimliche Gefühl bei KI-Stimmen, die Unmöglichkeit, die eigene künstlerische Seele fair zu bepreisen, und warum der Existenzkampf der Synchronbranche nur durch geschlossenen Zusammenhalt gewonnen werden kann.
Synthetische Stimmen und automatisierte Dubbing-Systeme werden immer leistungsfähiger. Welche Auswirkungen spüren Sie bereits in Ihrer täglichen Arbeit – und wo verläuft für Sie die Grenze zwischen KI als Werkzeug und KI als existenzieller Bedrohung?
Es gibt in Amerika eine Künstlerin, die mittels KI wunderschöne filmische und musikalische Fantasiewelten erschafft. Das ist für mich Kunst, weil es mich nicht hinters Licht führt, ich weiß genau, dass es KI ist. Bei allem anderen ertappe ich mich immer mehr dabei, dass ich jedes Video und jede Stimme hinterfrage, weil ich mich nicht mehr sicher fühle. Sprich Kaninchen auf dem Trampolin! Die Natur und jedes Wesen darin und das Leben überhaupt ist zu schön und einzigartig, als dass es durch KI ersetzt werden sollte oder dürfte!
KI-generierte Stimmen werden technisch überzeugender. Wo zeigen sich aus Ihrer Erfahrung die Grenzen – bei Emotion, Timing, Interpretation? Und nimmt das Publikum den Unterschied wahr?
Ich kann leider nicht für das gesamte Publikum sprechen, ich jedenfalls nehme es wahr, hoffe ich zumindest. Vielleicht bin ich auch schon drauf reingefallen! Meiner Meinung nach fehlt es an allem oben genannten! Es ist zu gleichförmig, es fehlt an Tiefe, Individualität, Gefühl! Das wissen die auch, deshalb wollen sie ja an unsere Stimmen ran!
Der Konflikt um die Netflix-AOR-Vereinbarung hat die Branche aufgerüttelt – KI-Training mit Stimmaufnahmen, Vergütung, Persönlichkeitsrechte. Gleichzeitig heißt es: Die Technologie kommt ohnehin. Wie bewerten Sie die aktuelle Vertragssituation, und was müsste ein fairer Rahmen konkret beinhalten?
Sie wollen alles von uns haben! Unsere einzigartigen Stimmen, unsere Synchronschauspielkunst! Unsere Persönlichkeit! Sie wollen eine Maschine mit unseren Seelen füttern. Ich habe keine Vorstellung einer fairen Einigung! Wieviel bin ich wert? Nach 50 Jahren Berufserfahrung kann ich, quasi auf Knopfdruck, alles spielen. Ich weine, lache, wüte, schreie! Immer fließt ein Teil von mir mit hinein, der den Zuschauer hoffentlich mitreißt. Der ihn zum Lachen bringt oder zum Weinen. Wieviel ist das wert, wenn ich das einer Maschine gebe? Ich habe darauf keine Antwort!
Nutzen Sie selbst KI-Anwendungen? Und wie gehen Sie mit der Spannung um, die eigene Stimme schützen zu wollen und zugleich in einer Branche zu arbeiten, die sich technologisch rasant verändert?
Niemand von uns verteufelt KI! Natürlich ist diese Entwicklung nicht aufzuhalten! Wenn ich eine Übersetzung aus dem Urdu brauche, frage ich auch ChatGPT, auch wenn ich mich dabei nie wohl fühle. Aber es hat hier nichts zu tun mit der Weiterentwicklung von der Gaslampe zur elektrischen Lampe, sondern mit dem Ausmerzen einer ganzen Kultur und der Vernichtung vieler Arbeitsplätze. Denn das betrifft ja auch die Synchronfirmen und alle, die dort arbeiten. Wer braucht noch Synchronfirmen, wenn nicht mehr synchronisiert wird?
Netflix und Amazon halten Patente für vollautomatisierte Synchronsysteme. Gleichzeitig zeigt der Protest, dass das Publikum an menschlichen Stimmen hängt. Wo sehen Sie Ihr Berufsfeld in fünf Jahren – und welche Rolle spielen neue Vergütungsmodelle, rechtliche Rahmenbedingungen und organisierte Interessenvertretung?
Ob man mich mit 57 bei Aldi noch an die Kasse lässt? Keine Ahnung! Ich möchte in fünf Jahren eigentlich immer noch vor dem Mikro stehen und voller Freude und Leidenschaft ausländischen Schauspielerinnen meine Seele einhauchen! Aber das wird nur möglich sein durch Verbände wie den VDS! Und durch absoluten Zusammenhalt! Und der ist gerade wirklich enorm und bewundernswert!

Katrin Fröhlich ist deutsche Stimme von Cameron Diaz, Gwyneth Paltrow, Mary Louise Parker und anderen. In fünfzig Jahren hat sie über 900 Rollen synchronisiert, darunter Sophie Kuchinsky in „Two Broke Girls“ und Shego aus „Kim Possible“. Seit 26 Jahren ist sie auch Synchronregisseurin und -autorin.
Sie engagiert sich für die Interessen der Branche im Verband Deutscher Sprecher:innen e. V. (VDS), der sich für faire Arbeitsbedingungen und den Schutz der Rechte von Sprecher:innen in Zeiten künstlicher Intelligenz einsetzt.
